Frage zu Kapitel 1 (Einleitung) des Skriptums

Hi! Ich arbeite gerade das FK1-Skriptum durch und eine Sache aus der Einleitung lässt mir einfach keine Ruhe, weil ich sie nicht verstehe. Konkret geht es um diesen Teil hier (Seite 7 im Skriptum):

Ich verstehe insbesondere die Notation mit einer partiellen Ableitung nach einem Vektor nicht… gibt es dazu eine Konvention? Ich habe diverse Lehrbücher durchforstet und diese Schreibweise nirgendwo gefunden. Was bedeutet ∂²Φ/∂RR’?
Darüber hinaus ist mir grundsätzlich klar, dass man hier eine Taylorentwicklung macht, aber kann mir jemand sagen, wie der ∇-Operator hier wirkt? Wird Φ als von zwei voneinander unabhängigen Vektoren abhängig betrachtet? Wann wirkt ∇ auf R und wann auf R’?

Freue mich über jede Hilfe!

Das wird zu einer quadratischen Matrix. Was hier passiert ist eine zweifache Anwendung eines Nabla-Operators, einmal parametrisiert mit R und einmal mit R’. Φ ist eine Funktion, die von R und R’ so zusammenhängt: Φ(R,R’)=Φ(R-R’). ∂²Φ/∂RR’ kann dann als ∂/∂R[∂/∂R’Φ(R,R’)] = ∂/∂R’[∂/∂RΦ(R,R’)] aufgefasst werden (das „=“ folgt aus dem Satz von Schwarz). ∂/∂R ist hier ein ∇(R) und ∂/∂R’ ein ∇(R’). Hier liefert die zweite Ableitung eine Matrix, da P_ij = ∂²Φ/∂R_i ∂R’_j. Du leitest also von allen Kombinationen von Komponenten (i,j) ∈ {1,…,d} - d ist die Dimension - ab.

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@JulianP vielen Dank für die Antwort!

Was ich noch nicht ganz verstehe: Kommt die Matrix P_ij = ∂²Φ/∂R_i ∂R’_j im quadratischen Term von (1) [im Screenshot] vor, oder ist diese Ableitung nach R und R’ eine neue Betrachtungsweise des Potentials?

Dass durch das […]² im quadratischen Term dann alle Kombinationen von ∂²/∂i∂j vorkommen müssen, verstehe ich, und dass man das als ∂²/∂RR’ darstellen könnte, leuchtet mir auch noch ein (ist das eine formell korrekte Schreibweise? Konnte das nirgendwo finden), aber sind diese R(') dann dieselben R und R’ aus der Summe in (1) aus dem Screenshot? Wenn ja, verstehe ich nicht, wie man dahin kommt. Meinem Verständnis nach müssten ja ∂i oder ∂j sich auf Koordinaten des Vektors R - R’ beziehen und nicht auf einzelne Koordinaten dieser Vektoren.

Nochmals vielen Dank für deine Hilfe, ich weiß das sehr zu schätzen!

Oder um es kurz zu fassen: Meiner Ansicht nach kommt man, wenn man den quadratischen Term ausrechnet, auf eine Matrix der Form P_ij = ∂²Φ/∂x_i∂x_j, aber nicht auf P_ij = ∂²Φ/∂x_i∂x’_j… wenn es wirklich einen Zusammenhang zu den R und R’ geben soll, über die summiert wird, verstehe ich den nicht :frowning:

Disclaimer: Ich kann hier keine Formeln schreiben. Wie habt Ihr das gemacht? MathML oder so geht hier nicht?

Grundsätzlich gilt einfach d/dR = (R . \nabla) mit einem inneren Produkt des Vektors R und dem Nabla-Operator.
In allgemeinen krummlinigen Koordinaten oder auf Mannigfaltigkeiten sind dann obere/untere Indizes wichtig und werden mit dem Inneren Produkt g_ij hinunter- bzw. mit g^ij hinaufgezogen. Also R^i g_ij \nabla^j, oder auch R^i \nabla_i.
Ein typischer Fall, in dem diese Notation verwendet wird, ist die Ableitung nach einem äußeren Normalenvektor n bei einem Flächenintegral, die oft einfach als d/dn geschrieben wird.

Bei höheren Ableitungen gibt es KEINE verbindliche Konvention über die gemeinte Reihenfolge. Es kann sowohl von links nach rechts gemeint sein, als auch (als Verkettung der einzelnen Ableitungsoperatoren) von rechts nach links.
Man muss dann einfach nur die passenden Komponenten miteinander paaren und sich in der jeweiligen Literatur zusammensuchen, welcher Konvention gefolgt wird.

Achtung, in der Jakobimatrix stehen (bis auf Index-Oben-Unten) die „Gradienten“ in den Zeilen (eigentlich die Komponenten der Differentialformen, für df = df/dx^i dx^i = f_{,i} dx^i stehen die
f_{,1},…,f_{,n}
so wie hier in einer Zeile.
Ich habe „Gradienten“ unter Anführungszeichen gesetzt, weil der Gradient der zugehörige VEKTOR zum Kovektor df ist. Der Gradient hat die Komponenten
\nabla^i f = g^{ij} f_{,j}
und die stehen in einer Spalte untereinander, so wie eben die Komponenten eines Vektors heute als „stehender Vektor“ geschrieben werden.
(vgl. „liegender Vektor“ - ich finde die Begriffe „stehender“ und „liegender“ Vektor anschaulicher als die Begriffe „Spaltenvektor“ oder „Zeilenvektor“.
Die heutige Konvention ist: Indizes, die Zeilen nummerieren, stehen zuerst bzw. stehen oben. Vektorkomponenten eines stehenden Vektors sind dann x^i.)

In allgemeinen krummlinigen Koordinaten wäre dann noch zwischen der „einfachen“ Ableitung f_{,i} und der kovarianten Ableitung f_{;i} zu unterscheiden (die bei Skalarfeldern f übereinstimmen, aber nicht mehr bei allgemeineren Tensorfeldern).
In der Festkörperphysik werden in diesem Zusammenhang aber praktisch nur kartesische Koordinaten in der flachen Euklidischen Geometrie verwendet, deshalb ist diese Unterscheidung hier kein wirkliches Thema.
In den Relativitätstheorien, wo diese Unterscheidungen dann eher eine Rolle spielen, gibt’s eh keine starren Festkörperkristalle mit periodischem Gitter (die Abstände sind wegen der Lorentzkontraktion beobachterabhängig).

Die Einleitung meint einfach, dass man für das Potenzial eine Taylorreihenentwicklung rund um einen stationären Punkt macht (typischerweise Potenzialminimum) und die Terme bis einschließlich zweiter Ordnung berücksichtigt (sog. Harmonische Approximation). Die Ableitungen zweiter Ordnung stehen dann in der Hessematrix des Potenzials.

Diese Approximation ergibt ein Potenzial gekoppelter harmonischer Oszillatoren. Die einzelnen Oszillatoren erhält man als die Moden bei einer Diagonalisierung der Hessematrix (vgl. Hauptachsentransformation).

Das ist keine „gewöhnliche Taylorentwicklung“ von einem Skalarfeld, welches von einem Vektor abhängig ist. Du hast hier eine multivariable, multidimensionale Taylorentwicklung, die ähnlich funktioniert, aber ein paar mehr Terme beinhält.
Normalerweise, wenn dein Potential von mehreren Variablen abhängig ist, dann hast du i.A. V=V(x_1, …, x_n). Die Taylorentwicklung ist dann (mit V_0=V(x_1^0, x_2^0, … , x_n^0) und δx_i=(x_i-x_i^0))

V(x_1,…,x_n) = V_0 + sum_k ∂V_0/∂x_k δx_k + 1/2 sum_(k,l) ∂V_0/∂x_k∂x_l δx_k δx_l +…

Wenn du jetzt allerdings eine mehrdimensionale, mehrvariable Taylorentwicklung hast, dann hast du V=V(R_1, …, R_n, R’_1, … R’_n).
Du kannst das genauso behandeln wie den oberen Fall, nur du wirst Kreuzterme dazubekommen. Das sieht dann in etwa so aus

V(R,R’)=V_0+ sum_k ∂V_0/∂R_k δR_k + sum_k ∂V_0/∂R_k’ δR_k’ + 1/2 sum_(k,l) ∂V_0/∂R_k∂R_l δR_kδR_l + 1/2 sum_(k,l) ∂V_0/∂R_k’ ∂R_l’ δR_k’δR_l’ + sum_(k,l) ∂V_0/∂R_k∂R_l’ δR_kδR_l’ + …

@JulianP Auch Dein zweiter Fall ist natürlich eine Taylorreihenentwicklung. Was denn sonst? Die „Kreuzterme“ hat man bei mehrdimensionaler unabhängiger Variable immer in den höheren Differenzialen. Oder woher sollen Deiner Meinung nach die Off-Diagonal-Terme in der Hessematrix denn stammen?

In der Einleitung werden aus der Hessematrix nur die entsprechenden Off-Diagonal-Einträge genommen, die zu den angegebenen Vektoren gehören.

Lies die Formel doch einfach mal für ein Gitter in 1D. Dann hast Du genau für d^2 phi / dR dR’ gerade einen der beiden Off-Diagonal-Terme.

@hxx.c Ich ergänze noch zu meiner gestrigen Antwort. Du kannst den Operator d/dR auch folgendermassen auffassen. Er bildet eine Richtungsableitung (Gateaux-Ableitung) mit Zuwächsen h in Richtung von R, alle anderen Zuwächse sind 0.
Also ist

dphi/dR ( Anschlussstelle)(h) = dphi( Anschlusstelle )(0,…,0,h,0,…0),

wobei auf der rechten Seite das Differenzial von phi steht und nur in der R-Komponente ein Zuwachs h steht. Der passende Begriff rechts ist „partielles Differenzial“, es wird manchmal auch als dphi_R notiert.

dphi/dR (Anschlussstelle) ist dann die Linearform

h |-> dphi( Anschlussstelle )(0,…0,h,0,…,0)

und in dphi/dR ( Anschlussstelle)(h) steht in Koordinaten die Summe

dphi/dR ( Anschlussstelle)(h) = dphi/dR^i ( Anschlussstelle) h^i

Die Abbildung

Koordinatenraum aller Rs → Linearformen
(…,R,…) |-> (h |-> dphi( Anschlussstelle )(0,…0,h,0,…,0) )

ist dphi/dR.

Denke Dir das noch einmal nur 1D durch, wenn die Ortsvektoren R, R’ eindimensional sind.
Und davor sogar mal mit nur einer einzigen Variable R (dann gibt’s natürlich keine gemischten Koeffizienten mehr), nur um das Differenzial dphi und den Zusammenhang mit der (nicht ganz glücklichen) Notation dphi/dx für Ableitungen zu verstehen.

Teil 1:
Das ist mit den R, R’ ist auch „Physiker-Notation“. Dabei bezeichnet phi(…,R,…,R’,…) einerseits die Funktion phi „an sich“, wobei die Variablen mit …,R,…,R’,… bezeichnet werden, sobald man einen expliziten Ausdruck hinschreibt. (Ein „Funktion“ phi an sich kennt eigentlich keine Variablennamen.)
Andererseits den Funktionswert phi(…,R,…,R’,…) und drittens einen Ausdruck für phi, in dem man bereits R und R’ geschrieben hat.

Beispiel: Sei phi die Funktion reelle Funktion „quadriere“. Das ist
phi = (x |-> x^2)
aber auch (y |-> y^2) oder (Hugo |-> Hugo^2). Eine feste Bezeichnung für Variablen ist nicht vorgegeben.
Trotzdem schreiben Physiker (und auch Mathematiker) oft „die Funktion phi(x)“ anstatt „die Funktion phi“, und das meint „die Funktion phi, wobei ich im Folgenden die Variablen mit x bezeichne“.

Ganz verwirrend wird es dann, wenn es auch noch Verkettungen mit anderen Funktionen oder Operatoren gibt. Dann driftet die Notation der Physiker komplett von der Notation der Mathematiker ab. Zum Beispiel kann phi(x) eine Funktion bezeichnen, aber phi(k) dann nicht einfach nur dieselbe Funktion mit neuem Variablennamen, sondern die Fourier-Transformierte von phi, die man dann an Wellenvektoren auswertet. Mathematiker bezeichnen dann die Funktion phi neu (zB. als phi^, „phi-Dach“), aber in der Physik geschieht das typischerweise nicht…
(Darauf weist Fließbach in einem seiner Physikbücher hin, ich glaube, es war im E-Dyn-Buch.)

Dementsprechend ungut ist dann auch die Notation für Ableitungen, wenn man schreibt
dphi/dx (x).
Denn die Funktion phi kennt natürlich kein „x“. Die Variablen mit x zu bezeichnen ist ja nur eine der vielen Möglichkeiten.

In dphi/dx (x) kommt das x leider gleich in mehrfacher Bedeutung vor:

  1. x als gewählte Bezeichnung für eine Variable, also phi = (x |-> x^2), nach der abgeleitet wird. Besser - aber aus historischen Gründen nicht üblich - wäre es gewesen, nicht eine „Ableitung nach x“ zu definieren, sondern eine „Ableitung nach der 1. Variable“. Da man im 18. und 19. Jahrhundert aber hauptsächlich mit „niedergeschriebenen Ausdrücken“ wie x^2 rechnete und noch keinen rigorosen Funktionsbegriff hatte, hat sich leider die Bezeichung d/dx eingebürgert. Wenn man nur eine einzige Variable hat, dann ist phi’ eine brauchbare Notation für die 1. Ableitungsfunktion.

  2. x als Stelle, an der die Ableitung ausgewertet wird. Dabei hat man die Ableitungsfunktion phi’ gebildet (ggf. partielle Ableitung) und betrachtet den Funktionswert phi’(x) der Ableitungsfunktion an der Stelle x.

  3. x als Variable der abgeleiteten Funktion in Physikernotation: phi’(x) bezeichnet dann oft auch „die Funktion phi’, wobei ich die Variablen im Folgenden mit x bezeichne“.

Ich selber arbeite bei solchen Fragestellungen, wo es nicht um Details der Analysis geht (zB. ob Ableitungen existieren) lieber mit den Differenzialen dphi oder überhaupt mit dem „Tangentialfunktor“ T, der dann ein Tphi liefert mit Anschlussstelle (Fusspunkt) als erster Variable, Richtungsvektor für Zuwachsrichtung als zweiter Variable, und im wesentlichen das Differenzial liefert, aber den Fußpunkt mitschleppt.
Das ist geometrisch das Sauberste.

Physiker bleiben aber oft lieber bei den Ableitungen, denn die können sie sich besser vorstellen als „Differenziale“ als Linearformen.

In Teil 2 komme ich zur Formel (1) im Skriptum als Taylorreihe.

========== EDIT: ==============
Da mir das Forum hier keine weitere Antwort erlaubt, muss hier leider auch Teil 2 hinein, den ich aus Längengründen gerne separat geschrieben hätte. Na dann.

Teil 2:

Für eine Funktion f, eine Anschlusstelle x und einen Zuwachsvektor h lautet die Taylorreihenentwicklung

f(x + h) = f(x) + df(x) (h) + 1/2 d^2f(x)(h,h) + … + 1/k! d^kf(x)(h,…,h) + …

Merksatz: „Eins durch k-Faktorielle mal k-tem Differenzial“. Die Zuwachsvektoren h werden in den höheren Differenzialen symmetrisch eingesetzt.

df(x) (h) ist eine Kurznotation, in der bereits Klammern weggelassen wurden. Die genaue Aufgliederung ist:

df … das Differenzial von f
df(x) = (df)(x) … das Differenzial von f, ausgewertet an der Anschlussstelle x. Das ist eine lineare Funktion Zuwachsvektor → Funktionswert(vektor)raum.
df(x) (h) = (df(x))(h) = ( (df)(x) )(h) … das Differenzial von f, ausgewertet an der Anschlusstelle x, und mit Zuwachs h genommen.

Analog ist das bei den höheren Differenzialen.
d^k f … k-tes Differenzial von f
d^kf(x) = (d^k f)(x) … k-tes Differenzial von f, ausgewertet an der Anschlussstelle x
d^kf(x)(h,…,h) … k-tes Differenzial von f, ausgewertet an der Anschlussstelle x, und mit den Zuwächsen h,…,h genommen.

===========
Jetzt der Clou: Die Taylorreihen-Entwicklung für Anschlussstelle x und Zuwachsvektor h schreibt sich aber auch:

f(x + h) = f(x) + (h . \nabla) f(x) + 1/2 (h . \nabla)^2f(x) + … + 1/k! (h. \nabla)^kf(x) + …

Hier ist h . \nabla das innere Produkt von h und dem Differenzialoperator \nabla. In Komponenten ist das
h^i \partial / \partial x^i
wobei ich dann hier ebenfalls zum Problem gelange, die Variablen irgendwie bezeichnen zu müssen, obwohl die Funktion selber gar keine Variablennamen kennt.

Die Potenzen (h . \nabla)^k bedeuten einfach k-mal hintereinander diesen Differenzial-Operator (h . \nabla) anwenden. h ist dabei ein konstanter Vektor ohne Ableitung.

Das kam früher in der VO Analysis 2 für TPH explizit in dieser Formelform so vor, vielleicht jetzt nicht mehr.

==========
Sobald man die Taylorreihenentwicklung hat, hat man eine Funktion, die von den Variablen x und h abhängt, also eigentlich
(x,h) |-> f(x+h) = …

Jetzt kann man in diese Taylordarstellung der erhaltenen Funktion auch für die Variablen x und h etwas anderes einsetzen, also die erhaltene Taylorreihendarstellung verwenden, um damit die Funktion (x,h) |-> … formelmäßig zu erfassen.

Und genau das geschieht hier in Formel (1).

Man hat zunächste eine Funktion phi. Mit dieser wird die potenzielle Energie gebildet als Funktion gebildet, die aber von mehreren Variablen abhängt und als Verkettung von Funktionen geschrieben wird, nämlich als Summe von Potenzialen von Paaren R, R’

Für ein einzelnens Paar hat man die Funktion
(R,R’) |-> 1/2 . phi(R-R’)

Hier kommt dann Physiker-Notation mit hinein: Diese Funktion kennt natürlich keine Variablennamen. Trotzdem bezeichnet hier phi(R-R’)/2 nicht nur den Funktionswert, sondern die gesamte Funktion.

Nun wird über alle solchen Paare der Gleichgewichtslagen von Kernen summiert.

Hier wäre es natürlich besser gewesen, die Kerne einfach durchzummerieren: K1,K2,K3,K4,…
den Kernen Positionen zuzuweisen R(K1), R(K2),…
schließlich Kernpaare zu bilden K(i,j) = {Ki, Kj)
und Paarpotenziale

Kerne x Kerne → relle Zahlen
(Ki, Kj) |-> phi( R(Ki) - R(Kj) ) /2

und über alle Kernpaare zu summieren.

oder Zahlenpaare verwenden:

Kernbezeichnungen x Kernbezeichnungen → reelle Zahlen
(i,j) |-> phi( R(Ki) - R(Kj) ) /2

Es gibt natürlich auch Literatur, die Paarpotenziale in so einer Notation durchexerziert, zB.
Ruelle: „Statistical Physics. Rigorous Results“.

Die Physikernotation im Absatz vor Formel (1) meint bei E_pot = auch genau soetwas: Summiere über alle Kernpaare und verkette phi mit der Differenz der Kernpaarpositionen.
Es ist nur anders hingeschrieben, nämlich mit dieser komischen Bedeutung von R,R’, die einerseits als Summandenvariablen vorkommen, andererseits als Positionen von Kernen und drittens als Argumente einer verketteten Funktion.

Der Ausdruck
E_pot = 1/2 \sum_{R, R’} phi(R-R’)
ist hier also „inhaltlich“ zu verstehen: Summiere über alle Kernpaare, betrachte deren Positionen, wobei die Position des ersten Kerns mit R bezeichnet wird, jene des zweiten Kerns mit R’, und verkette phi der Positionsdifferenz.

Das liefert eine Funktion, die man als
(…, R_i,…) |-> E_pot(…,R_i,…)
schreiben könnte und wo hier gerade mal die Position des i-ten Kerns mit R_i bezeichnet wurde.

Diese Funktion hängt von allen Kernpositionen als Variable ab.

Jetzt kommt eine weitere Umbezeichnung: Die großen R bezeichnen die Gleichgewichtslagen und die u die Abweichung der tatsächlichen Kernposition von der Gleichgewichtslage. Und zwar für jeden Kern.

Man müsste also eigentlich schreiben:
R_i … Gleichgewichtsposition des i-ten Kerns
r_i … tatsächliche Position des i-ten Kerns
u_i … Abweichung des i-ten Kerns aus seiner Gleichgewichtslage,
r_i = R_i + u_i

Die verschiendenen u_i denkt man sich als eine Funktion u im ganzen Raum fortgesetzt und zwar so interpoliert, dass u(R_i) = u_i.

Dieses u heißt auch „Verschiebungsfeld“. Diese Bezeichnung kommt aus den kontinuierlichen Medien, wo jeder Körperpunkt aus seiner Ursprungslage R in einen Ort r(R) verschoben wurde (im Punkt r(R) platziert wurde) und u(R) := r(R) - R
ist dann eine Funktion aller Körperpunkte.

Hier werden aber nur diskrete Kernpositionen betrachtet, nicht kontinuierliche Körperpunkte.

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Nächster Schritt:
Taylorentwicklung der verketteten Funktion (*)
(r,r’) |-> phi(r-r’)

(bitte obige Zeile zweimal lesen und durchdenken)

an der Anschlusstelle (R,R’) und mit Zuwachs (u,u’).

Dann gilt
phi(R+u - (R’+u’)) = phi( (R-R’) + (u-u’))

Man bekommt die Taylorentwicklung der verketteten Funktion (*), indem man die Taylorreihenentwicklung der
Funktion phi (ohne Verkettung!) nimmt,
Anschlusstelle R-R’
Zuwachsvektor u-u’

phi( (R-R’) + (u-u’) ) = phi(R-R’) + dphi(R-R’) (u-u’) + 1/2 d^2 phi (R-R’)(u-u’, u-u’) + … = …

oder mit der Nablanotation:

… = phi(R-R’) + ( (u-u’) . \nabla) phi (R-R’) + 1/2 ( ( u - u’) . \nabla)^2 phi (R-R’) + …

Jetzt setzt man in diese erhaltene Taylorreihenentwicklung ganz am Schluss, wenn alle Differentiationen fertig ausgeführt wurden, noch für u,u’ die Werte u(R), u(R’) ein, also die Werte des Verschiebungsfeldes.

Dann hat man die Entwicklung des Potenzials für EIN einziges Paar.

Um auf das gesamte E_pot zu kommen, muss man dieselbe Prozedur für alle Kernpaare durchführen, für R,R’ die Gleichgewichtspositionen des Kernpaares nehmen und alle Paarpotenziale entwickelt aufsummieren.

Das ergibt Formel (1).

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Und jetzt noch zur Physikernotation: Diese ist hier in Formel (1) inhaltlich und nicht formal zu lesen, nämlich von links nach rechts als:

+) Summiere über alle Kernpaare (i,j) ,
+) betrachte deren Paarpotenziale phi(r_i - r_j),
+) entwickle die Paarpotenziale nach Taylor für die Anschlusstellen R_i, R_j und die Zuwächse u_i, u_j
+) setze für die Zuwächse u_i die Werte des Verschiebungsfelds ein u_i = u(R_i)

Die Summe hier wird physikernotatorisch nicht über Kernbezeichnungen (i,j) genommen, sondern "über R,R’ ". Wenn man so möchte wird die erste Kernbezeichnung i gar nicht extra bezeichnet und die zweite Kernbezeichnung j mit einem Strich ‚. Statt R_i, R_j steht dann R,R‘ und statt Summe über Paare von Kernbezeichnungen i,j nimmt man "Summe über alle Paare von Positionen R,R’ ".

Also erstmal vielen Dank an @aka und @JulianP für die Antworten, ich hab mir alles angeschaut und ich glaub ich kenn mich jetzt größtenteils aus. Falls sich jemand anderes mal mit derselben Frage in diesen Thread verirrt, versuche ich mich mal an einer kurzen Zusammenfassung, und ein paar Fragen hab ich dann trotzdem noch ^^

Zur Frage

Es funktioniert hier leider keines dieser Codierungen, aber man kann Sonderzeichen von anderen Quellen hineinkopieren, so hab ich ∂, Φ, ∇ usw. reinbekommen. Es gibt Listen für Unicode-Zeichen, hier z.B. für mathematische Operatoren und hier für griechische Buchstaben.

Für Vektorpfeile gäbe es in Unicode eigentlich auch eine Lösung im Unicodeblock Kombinierende diakritische Zeichen für Symbole, nämlich den „COMBINING RIGHT ARROW ABOVE“, das funktioniert z.B. in MS-Word sehr gut:


aber der Font hier im Forum zeigt den Pfeil immer auf derselben Höhe und versetzt an:
a ⃗, A ⃗
(diese Zeichen habe ich direkt aus Word hereinkopiert). Vielleicht kann man ja da noch was machen.

Was ich also bisher gelernt habe (Kurzzusammenfassung):

  1. In Formel (1) im Skriptum wird nicht die Verkettung gf der Funktionen
    f: ℝ³ → ℝ³, (R,R’) ↦ R-R’ und
    g: ℝ³ → ℝ, X ↦ Φ(X)
    taylor-entwickelt, sondern nur die „äußere“ Funktion Φ

  2. Dies geschieht mit der normalen Formel für eine mehrdimensionale Taylorentwicklung, wie sie im Skriptum für Analysis 2 beschrieben wird:


    In Ashcroft and Mermin: Solid State Physics wird das auch genau so in Kapitel 22 (Classical Theory of the Harmonic Crystal) gemacht:

  3. Für den quadratischen Term der Taylorentwicklung erhält man dann:


    was dem Ausdruck (1) im Skriptum genau entspricht:

  4. Der Ausdruck ∂²Φ/∂RR’ meint eine Art „gemischte Hessematrix“, bei dem Φ jeweils nach einer Koordinate von R und einer Koordinate von R’ (R und R’ sind dabei die Gleichgewichtspositionenen von irgendwelchen 2 Teilchen) abgeleitet wird: ∂²Φ/∂RR’ ≙ Φ_ij= ∂²Φ/(∂R_i ∂R’_j), bzw.:


    Das schließe ich daraus, dass diese Ableitungen des Potentials im Skriptum als „Kopplungskonstanten“ bezeichnet werden. In der Fußzeile im Skriptum wird weiters ohne Erklärung der Ausdruck

    angegeben und exakt dieselbe Schreibweise wird in Gross, Marx: Festkörperphysik und Ibach, Lüth: Festkörperphysik für die Kopplungskonstanten verwendet:

    Dabei sind n und m die Ortsvektoren von Einheitszellen, α und β sind Indizes für mehrere Teilchen pro Einheitszelle und i und j sind die Vektorkomponenten (x, y und Z-Richtung). Im Skriptum wird das alles einfach mit R und R’ zusammengefasst. Man summiert also einfach über alle Teilchen, anstatt über alle Einheitszellen und dann über die Teilchen in diesen Einheitszellen.

Soweit einmal meine Zusammenfassung

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Jetzt komme ich zu meinen (hoffentlich finalen) Fragen:

  1. Wenn ich @aka soweit richtig verstanden habe, dann kommen Ausdrücke wie ∂²Φ/∂RR’ in der Formel (1) im Skriptum noch gar nicht vor, weil nur die „äußere“ Funktion Φ, nicht aber die Verkettete Funktion Φ(R-R’) entwickelt wird, wodurch die „gemischten Koeffizienten“ bzw. „Kreuzterme“ zwischen den Ruhepositionen von verschiedenen Teilchen, wie sie @JulianP und @aka beschreiben, noch nicht explizit sichtbar werden. Sehe ich das einmal richtig?

  2. Damit man die bekommt, müsste man die verkettete Funktion
    Φ(R-R’) = Φ((R₁, R₂, R₃), (R’₁, R’₂, R’₃)) entwickeln (und dann natürlich über alle Teilchen summieren). Ich habe nach @JulianP’s Hinweisen tatsächlich eine „fertige“ Formel für die Entwicklung einer Skalaren Funktion, die von 2 Vektoren abhängt, gefunden:


    H_uv sind dann die besprochenen gemischten Hesse-Matrizen, welche meinem Verständnis nach den Kopplungskonstanten entsprechen würden, korrekt?

  3. Da ich diese Art der Taylor-Entwicklung aber ansonsten nirgendwo gefunden habe, und gemäß dem, was @aka geschrieben hat, gehe ich davon aus, dass die obige Entwicklung eigentlich nicht notwendig ist, weil sie equivalent zu einer Entwicklung nach „allen 6 Variablen“ gemäß Analysis 2 (siehe Punkt 2. in der Zusammenfassung oben) ist. Den quadratischen Term kann man ja gemäß Analysis 2 auch mit der Hesse-Matrix schreiben:


    In Ibach, Lüth: Festkörperphysik wird auch genau das gemacht (Jede Kombination von n, m, α und β entspricht 2 Ruhepositionen und damit 6 Kernkoordinaten):

    Sind beide Darstellungen (Entwicklung nach 2 Vektoren mit jeweils 3 Variablen und Entwicklung nach 6 Variablen) komplett äquivalent?

  4. Nachdem das Skriptum nur Φ und nicht Φ(R-R’) entwickelt, dann jedoch Kopplungskonstanten erwähnt, die da noch nicht wirklich sichtbar sind:
    Gibt es eine möglichkeit, den Ausdruck


    aus dem Skriptum noch weiter zu entwickeln, sodass die Kopplungskonstanten dann so wie bei Ibach & Lüth explizit sichtbar werden? Das habe ich alleine noch nicht hinbekommen.

Wie immer, vielen Dank an alle, die es sich antun, hier Fragen zu beantworten. Ich lade euch sehr gerne mal auf ein Bier ein! :slight_smile:

Danke für den Hinweis zu den Symbolen. Vielleicht kann man da in der Konfiguration des Forums adminseitig noch irgendetwas machen.

Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass Du es jetzt verstanden hast.
Die Schwierigkeit der Notation liegt darin, dass man eigentlich zuerst alle Ableitungen macht und erst danach (R-R’) für die Anschlussstelle und (u(R) - u(R’)) für den Zuwachsvektor einsetzt.
Das \nabla wirkt eigentlich nur auf die Koordinaten der ursprünglichen Funktion phi.

Zu Deinen finalen Fragen:

1., Gewissermaßen richtig, weil in dieser Notation das \nabla eigentlich nur auf die Variablen von phi wirkt, bevor man irgendwelche R, R’ einsetzt.
Soviel mal zum Verständnis der Formel.

Bei \nabla ist aber nicht wirklich angegeben, nach welcher Variable differenziert wird.
Wenn man die verkettete Funktion
(R,R’) |-> \phi(R-R’)
betrachtet, dann könnte man genausogut das \nabla als Ableitung nach R betrachten, denn die innere Ableitung ändert praktisch nichts daran, es wird ja nur zusätzlich mit R’ translatiert.

Deshalb ist die vollständige Antwort auf Deine Frage: Grundsätzlich richtig, aber im Detail dann doch wieder Interpretationssache.

In der Notation würde ich raten, zuerst beim kleinen phi zu bleiben. Dieses erzeugt dann erst die Paarpotenziale, wenn man es verkettet. Diese Paarpotenziale kann man dann gerne mit großen Phi bezeichnen,
Phi(R,R’) := phi(R-R’)

Dass man in der Vielteilchenphysik oftmals eine Art „Modellfunktion“ phi für ein „Modellpotenzial“ hat, das man dann bei mehreren Körpern verwendet, kommt häufiger vor. Eine Trennung in die Modellfunktion (kleines phi) und Potenzial zweier Körper (großes Phi) oder gar alles Körper ist in der Notation manchmal hilfreich.

Ein Beispiel sind 1/r-Potenziale. Dann könnte man die Funktion
phi: (0, \infty) → R
x |-> 1/x

als Modellfunktion nehmen und das eigentliche Paarpotenzial Phi oder W (für Wechselwirkung) ist dann
Phi(R,R’) = Vorfaktoren * phi( |R-R’| )

2., Ja, so geht das!

3., Ja, man kann auch die zusammengesetzte Funktion ableiten, aber in der Taylorreihe nur nach R. Weil man andere Ableitungen nicht braucht und das Modell es einfach nicht macht. (*)

Für die Kopplungskonstanten werden aber Ableitungen nach beiden Variablen R,R’ genommen.

zu (*): Man könnte auch nach R’ ableiten. Das liefert aber kein neues Modell, weil man eine Invarianz gegenüber Beobachterwechseln fordert.
Der endgültige Ausdruck in der Reihe ist insofern symmetrisch, als für jedes Paar (R,R’) einmal d^2 phi (R-R’) und gewissermaßen einmal auch d^2 phi (R’-R) auftreten, weil ja R und R’ dieselben Mengen durchlaufen.
Also reicht es für die Modellbildung aus, nur nach einer Variable abzuleiten.

4., Wenn Du es explizit haben möchtest, brauchst Du die Ableitung der Verkettung. Für höhere Ableitungen gibt es eine allgemeine Formel von Faa di Bruno:
https://de.wikipedia.org/wiki/Formel_von_Fa%C3%A0_di_Bruno
https://en.wikipedia.org/wiki/Fa%C3%A0_di_Bruno%27s_formula
hinter der auch viel Kombinatorik mit Graphen steckt.

Im Fall hier kann man sich aber zunutze machen, dass nur die Differenz R-R’ eingesetzt wird.
Ist Phi(R,R’) := phi(R-R’), dann ist für die ersten Ableitungen mit der Kettenregel
d Phi / dR (R,R’) = (\nabla phi)(R-R’)
(eigentlich transponiert, also ein liegender Vektor)
und
d Phi / dR’ (R,R’) = - (\nabla phi)(R-R’).

Die innere Ableitung von R-R’ nach R’ liefert nur den Faktor -1 bei allen Komponenten.

Beide Ableitungen sind wieder eine Verkettung einer „einfachen“ Funktion \nabla phi mit der Differenzbildung R-R’.
(Du kannst gerne phi1 := \nabla phi und
Phi1(R,R’) := phi1(R-R’)
definieren, falls es Dir hilft.)

Also dieselbe Prozedur nocheinmal:

( d^2 Phi / dR dR’ ) (R,R’) = - (\nabla ( \nabla phi)) (R-R’)

Das wären mal die Kopplungskonstanten aus dem Skriptum.

Für die Formel im Ibach-Lüth werden nicht nur Ableitungen genommen, sondern auch die Zuwächse mitgeschleppt.
Also nimmt man am Einfachsten (h . \nabla) phi und setzt ganz am Ende u-u’ ein, oder nimmt Ableitungen nach R,R’ in Phi mit Zuwachsrichtungen h,h’. Ich beschreite hier den zweiten Weg:
D Phi (R,R’)(h,h’) =
= (h . \nabla_R + h’ . \nabla_R’) Phi (R,R’) =
= ( (h . \nabla) \phi )(R-R’) - ( (h’ . \nabla) \phi )(R-R’) )

und nocheinmal
(h . \nabla_R + h’ . \nabla_R’)) ( …) = …

(das schaffst Du alleine, ich spare mir jetzt das Tippen)

Ganz am Ende setzt Du bei diesem zweiten Weg h = u(R) und für h’ = u(R’) ein.

PS: Danke für die Einladung, leider trinke ich kein Bier. :slight_smile: Da Du aber schon seit 2008 Forumsmitglied bist und LinAg-Skripten aus 2005 besitzt, nehme ich an, dass wir einander noch aus dieser Zeit kennen…

Danke @aka , hab deine Rechnungen nachvollzogen und ich glaub jetzt hab ich ein ausreichendes Verständnis, auch wenn es gefühlt immer noch weiter in die Tiefe ginge.

Ja, bin schon länger dabei :sweat_smile:
Hab das Studium mehrfach sehr lange unterbrochen und dann in sehr kleinen nebenberuflichen Schritten versucht, doch noch fertig zu machen. FK und dann hoffentlich AKT sind jetzt endlich der Endspurt :slight_smile: